Evropa-Preis

Unter dem Leitgedanken „Geschichte trifft Zukunft“ verleiht Evropa e. V. jährlich den Evropa-Preis. Ausgezeichnet werden Persönlichkeiten und Initiativen, die sich in besonderer Weise um europäische Verständigung, Demokratie und historische Aufarbeitung verdient machen. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die Brücken zwischen Ländern, Generationen und Erinnerungskulturen schlagen – in Wissenschaft, Kultur, Bildung, Medien oder Zivilgesellschaft.

Der Preis richtet sich bewusst an Persönlichkeiten einer jüngeren Generation bis in die Mitte des Berufslebens. Anders als klassische Lebenswerksauszeichnungen möchte der Evropa-Preis engagierte Stimmen in einer prägenden Phase ihres Wirkens sichtbar machen und ihre weitere Entwicklung begleiten.

Besondere Berücksichtigung finden Beiträge in den Bereichen Erinnerungskultur, Flucht und Vertreibung, europäische Integration, interkultureller Dialog sowie innovative Bildungs- und Kulturformate. Der Preis versteht sich dabei nicht nur als Würdigung bisheriger Leistungen, sondern auch als Impuls für die Zukunft – für ein offenes, demokratisches und vielfältiges Europa.

Preisträger 2025/2026: Dr. Roland Borchers

Erster Träger des Evropa-Preises ist der Historiker Dr. Roland Borchers, der ab Juni 2026 die Leitung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung übernimmt. Ausgezeichnet wird er für sein Engagement im Bereich der historischen Aufarbeitung, der deutsch-polnischen Verständigung sowie der europäischen Erinnerungskultur.

Roland Borchers sieht „Versöhnung“ als zentrale Aufgabe der Stiftung 

„Europa sowie Verständigung und Versöhnung sind unsere einzige Hoffnung. Für Gegenwart und Zukunft“, mit diesem Bekenntnis nahm Roland Borchers in Berlin den erstmals verliehenen Evropa-Preis entgegen. Der Historiker, dessen Berufung an die Spitze der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung derzeit bundesweit Aufmerksamkeit erfährt, wurde von Evropa e. V. für sein Engagement „für die historische Aufarbeitung und die Völkerverständigung in Europa“ ausgezeichnet. In seiner Rede sprach Borchers über die Krise Europas, über Renationalisierung und den Krieg in der Ukraine – vor allem aber über die Herausforderung, Flucht und Vertreibung so aufzuarbeiten, „dass man sich gegenseitig näher kommt, indem man über Geschichte redet“. 


Mit Blick auf seine künftige Aufgabe betonte Borchers den Begriff der „Versöhnung“, der für die Stiftung „tonangebend“ sein müsse. Dabei gehe es zum einen um einen „versöhnlichen Umgang“ mit den ostmitteleuropäischen Nachbarstaaten, zum anderen aber auch um die innerdeutschen Debatten. „Viele finden es falsch, dass wir uns mit deutschen Opfern befassen“, sagte Borchers. Zugleich fühlten sich auch viele Heimatverbliebene, Vertriebene und Spätaussiedler „nicht repräsentiert“ und „nicht angesprochen“. Aufgabe der Stiftung müsse es daher sein, „mit ihnen gemeinsam einen Tonfall zu finden, der uns miteinander verbindet“. 
Genau diesen Versuch, unterschiedliche Erinnerungsperspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen, würdigt Evropa e. V. mit dem Evropa-Preis. Der Verein setzt sich für Demokratie, historische Aufarbeitung und europäische Verständigung ein und organisiert Bildungs- und Kulturprojekte zu Geschichte und Europa. In ihrer krankheitsbedingt verlesenen Begrüßung erklärte Evropa-Vorsitzende Sibylle Dreher, man wolle „Geschichte nicht als abgeschlossenen Raum betrachten, sondern als Auftrag für Gegenwart und Zukunft“. Verständigungsarbeit dürfe „nicht zur bloßen Formel werden“. 


Der Evropa-Preis richte den Blick auf zukünftige Wirksamkeit, betonte Erik Fischer, emeritierte Professor für Musikwissenschaft an der Universität Bonn, in seiner Laudatio. Statt einer Würdigung eines „weitgehend abgeschlossenen Oeuvres“ gehe es ausdrücklich um Persönlichkeiten „einer jüngeren Generation bis in die Mitte des Berufslebens“. Dafür stehe Borchers bisheriger Weg zwischen deutscher und polnischer Erinnerungskultur, Oral History und der Auseinandersetzung mit NS-Zwangsarbeit. Borchers habe es verstanden, „dem deutschen Konzept einer Geschichte Ostdeutschlands den polnischen Blick auf diese Prozesse keineswegs entgegen-, sondern an die Seite zu stellen“, sagte Fischer. 
Auch Bernard Gaida, früherer Vorsitzender der deutschen Minderheit in Polen, sprach sich für eine offenere europäische Erinnerungskultur aus. Zugleich kritisierte Gaida, dass die Erfahrungen der deutschen Minderheiten in Ostmitteleuropa in vielen Museen bis heute kaum sichtbar seien. „Wir gehören auch in die Erinnerungspolitik Deutschlands und Europas“, appellierte Gaida. Nur eine „vollkommene Erinnerungskultur ohne Exklusion“ sei Grundlage echter Völkerverständigung. 


Das Grußwort des Berliner Senats hielt Walter Gauks, Berliner Landesbeauftragter für Deutsche aus Russland, Spätaussiedler und Vertriebene und selbst Nachfahre deportierter Russlanddeutscher. Er erinnerte an die Erfahrungen von Vertreibung und Migration vieler Familiengeschichten. Europa sei deshalb mehr als politische oder wirtschaftliche Zusammenarbeit, sondern „eine Haltung“, die dazu verpflichte, „die Vielfalt der Geschichte zu respektieren und Verantwortung füreinander zu übernehmen“. 
Dass Fragen von Erinnerung, Vertreibung und europäischer Verständigung längst nicht nur historische Debatten sind, zeigte auch der internationale Charakter des Abends. Unter den Gästen befanden sich Vertreter der Botschaften Polens und Litauens sowie aus Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft. Zugleich markierte die Preisverleihung den ersten Geburtstag von Evropa e. V., der im Mai 2025 unter dem Leitgedanken „Geschichte trifft Zukunft“ gegründet worden war.

Einige Impressionen vom Abend ©Christina Eduardovna