13.05.2026
Roland Borchers sieht „Versöhnung“ als zentrale Aufgabe der Stiftung

v.l. Jakub Wawrzyniak, Gesandter der Republik Polen in Berlin, Walter Gauks, Berliner Landesbeauftragter für Deutsche aus Russland, Spätaussiedler und Vertriebene, Dr. Roland Borchers, designierter Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung, Erik Fischer, emeritierte Professor für Musikwissenschaft an der Universität Bonn, und Bernard Gaida, früherer Vorsitzender der deutschen Minderheit in Polen.
„Europa sowie Verständigung und Versöhnung sind unsere einzige Hoffnung. Für Gegenwart und Zukunft“, mit diesem Bekenntnis nahm Roland Borchers in Berlin den erstmals verliehenen Evropa-Preis entgegen. Der Historiker, dessen Berufung an die Spitze der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung derzeit bundesweit Aufmerksamkeit erfährt, wurde von Evropa e. V. für sein Engagement „für die historische Aufarbeitung und die Völkerverständigung in Europa“ ausgezeichnet. In seiner Rede sprach Borchers über die Krise Europas, über Renationalisierung und den Krieg in der Ukraine – vor allem aber über die Herausforderung, Flucht und Vertreibung so aufzuarbeiten, „dass man sich gegenseitig näher kommt, indem man über Geschichte redet“.
Mit Blick auf seine künftige Aufgabe betonte Borchers den Begriff der „Versöhnung“, der für die Stiftung „tonangebend“ sein müsse. Dabei gehe es zum einen um einen „versöhnlichen Umgang“ mit den ostmitteleuropäischen Nachbarstaaten, zum anderen aber auch um die innerdeutschen Debatten. „Viele finden es falsch, dass wir uns mit deutschen Opfern befassen“, sagte Borchers. Zugleich fühlten sich auch viele Heimatverbliebene, Vertriebene und Spätaussiedler „nicht repräsentiert“ und „nicht angesprochen“. Aufgabe der Stiftung müsse es daher sein, „mit ihnen gemeinsam einen Tonfall zu finden, der uns miteinander verbindet“.
Genau diesen Versuch, unterschiedliche Erinnerungsperspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen, würdigt Evropa e. V. mit dem Evropa-Preis. Der Verein setzt sich für Demokratie, historische Aufarbeitung und europäische Verständigung ein und organisiert Bildungs- und Kulturprojekte zu Geschichte und Europa. In ihrer krankheitsbedingt verlesenen Begrüßung erklärte Evropa-Vorsitzende Sibylle Dreher, man wolle „Geschichte nicht als abgeschlossenen Raum betrachten, sondern als Auftrag für Gegenwart und Zukunft“. Verständigungsarbeit dürfe „nicht zur bloßen Formel werden“.
Der Evropa-Preis richte den Blick auf zukünftige Wirksamkeit, betonte Erik Fischer, emeritierte Professor für Musikwissenschaft an der Universität Bonn, in seiner Laudatio. Statt einer Würdigung eines „weitgehend abgeschlossenen Oeuvres“ gehe es ausdrücklich um Persönlichkeiten „einer jüngeren Generation bis in die Mitte des Berufslebens“. Dafür stehe Borchers bisheriger Weg zwischen deutscher und polnischer Erinnerungskultur, Oral History und der Auseinandersetzung mit NS-Zwangsarbeit. Borchers habe es verstanden, „dem deutschen Konzept einer Geschichte Ostdeutschlands den polnischen Blick auf diese Prozesse keineswegs entgegen-, sondern an die Seite zu stellen“, sagte Fischer.
Auch Bernard Gaida, früherer Vorsitzender der deutschen Minderheit in Polen, sprach sich für eine offenere europäische Erinnerungskultur aus. Zugleich kritisierte Gaida, dass die Erfahrungen der deutschen Minderheiten in Ostmitteleuropa in vielen Museen bis heute kaum sichtbar seien. „Wir gehören auch in die Erinnerungspolitik Deutschlands und Europas“, appellierte Gaida. Nur eine „vollkommene Erinnerungskultur ohne Exklusion“ sei Grundlage echter Völkerverständigung.
Das Grußwort des Berliner Senats hielt Walter Gauks, Berliner Landesbeauftragter für Deutsche aus Russland, Spätaussiedler und Vertriebene und selbst Nachfahre deportierter Russlanddeutscher. Er erinnerte an die Erfahrungen von Vertreibung und Migration vieler Familiengeschichten. Europa sei deshalb mehr als politische oder wirtschaftliche Zusammenarbeit, sondern „eine Haltung“, die dazu verpflichte, „die Vielfalt der Geschichte zu respektieren und Verantwortung füreinander zu übernehmen“.
Dass Fragen von Erinnerung, Vertreibung und europäischer Verständigung längst nicht nur historische Debatten sind, zeigte auch der internationale Charakter des Abends. Unter den Gästen befanden sich Vertreter der Botschaften Polens und Litauens sowie aus Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft. Zugleich markierte die Preisverleihung den ersten Geburtstag von Evropa e. V., der im Mai 2025 unter dem Leitgedanken „Geschichte trifft Zukunft“ gegründet worden war.
16.04.2026

(v.l.) Kai Wegner, Regierender Bürgermeister von Berlin, Sibylle Dreher, Vorsitzender Evropa e.V., Tilman Asmus Fischer, Vorsitzender Evropa e.V. und Walter Gauks, Ansprechperson für Deutsche aus Russland, Spätaussiedler und Vertriebene des Berliner Senats.
„Diese Auszeichnung erfüllt uns mit großer Dankbarkeit und zugleich mit Demut“, sagt Sibylle Dreher, Vorsitzende von Evropa e. V. „Als noch junger Verein verstehen wir sie als Bestärkung, unseren eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen: Räume für Dialog zu schaffen, Geschichte erfahrbar zu machen und gesellschaftlichen Zusammenhalt aktiv zu fördern.“
Der Anlass für diese Worte: der „Tag der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts“, der am 15. April 2026 im Plenarsaal der Akademie der Künste stattfand. Eine Veranstaltung, die Engagement, Teilhabe und zivilgesellschaftliche Verantwortung in Berlin sichtbar machte – und jene zusammenbrachte, die genau dafür stehen: Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft, Kultur und Ehrenamt.
Mittendrin: Evropa e. V.. Der Verein übernahm in diesem Jahr die organisatorische Gesamtkoordination und prägte damit Ablauf und Charakter des Abends – als Plattform für Austausch, Begegnung und Anerkennung.
Und die Anerkennung galt nicht nur anderen. Im Laufe des Abends wurden zahlreiche Initiativen, Organisationen und engagierte Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise für gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen. Auch Evropa e. V. selbst erhielt eine Auszeichnung für die Zusammenarbeit in den vergangenen Monaten.
Zu den Rednerinnen und Rednern gehörten unter anderem der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, sowie die Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, Cansel Kiziltepe. Sie betonten die Bedeutung von Engagement, historischer Verantwortung und demokratischer Teilhabe für die Zukunft der Stadt.
Für Evropa e. V. ist die Mitwirkung an dem Abend zugleich Ausdruck eines programmatischen Selbstverständnisses. Unter dem Leitmotiv „Geschichte trifft Zukunft“ entwickelt der Verein Formate der politisch-historischen Bildung, die neue Zielgruppen ansprechen und klassische Vermittlungsformen erweitern.
„Gerade in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Herausforderungen braucht es Orte, an denen Geschichte nicht nur erinnert, sondern neu befragt und in die Gegenwart übersetzt wird“, sagt Tilman Asmus Fischer, Vorsitzender von Evropa e. V.. „Unser Anspruch ist es, historische Erfahrungen mit aktuellen Perspektiven zu verbinden und so neue Zugänge zu Themen wie Identität, Zugehörigkeit und Zusammenhalt zu eröffnen.“
Mit Formaten, die wissenschaftliche Fundierung mit kreativen und partizipativen Ansätzen verbinden, richtet sich der Verein insbesondere an jüngere Generationen. Die Durchführung des „Tags der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ verweist zugleich auf die Bedeutung von Kooperationen zwischen staatlichen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Akteuren.
Wenn Sie regelmäßig über unsere Veranstaltungen und Aktivitäten informiert werden möchten oder unseren Newsletter beziehen möchten, schreiben Sie uns gerne an info@evropa.eu. Wir nehmen Sie in unseren Verteiler auf und halten Sie über Neuigkeiten von Evropa e. V. auf dem Laufenden.
